Name: Myah OS
Version: 3.0 Alpha 2
Art: LiveCD + Normal
Homepage: http://myah.org/
ISO-Größe: 678MB
Eine Sache, die mir selbst unter den für mich ohnehin sehr respektablen Entwicklern von Distros besonders viel Anerkennung abnötigt, ist es, wenn hinter einer umfassenden Distribution hauptsächlich eine einzelne Person steht. Eine einzelne Person, die nur mit mal mehr, mal weniger hilfreichen Unterstützungsangeboten aus der Community in der Lage ist, ein Betriebssystem auf die Beine zu stellen, das mit anderen Betriebssystemen mithalten, sie mitunter sogar übertreffen, kann, die von unzähligen Programmierern programmiert worden sind unter Berücksichtigung von Vorgaben dutzender Marketingexperten, die von einigen der bestbezahlten Manager der Welt angeheuert wurden. Irgendjemand diesen Satz beim ersten Durchlesen verstanden? Ich sicher nicht und er war zuerst sogar noch komplexer verschachtelt. Schnell weiter.
Eine der profiliertesten Persönlichkeiten innerhalb dieser Ein-Mann-Maintainer ist nach Über-Vorbild Barry Kauler - dem Herrchen von Puppy Linux - ein Brite, der den Namen Jeremiah Cheatham trägt und Ende 2005 erstmals mit seiner Hausmarke-Distro Myah von sich hören machte, die damals noch eine auf KDE-Basis laufende bunte Mischung diverser Slackware-Pakete mit einer Handvoll ausgeklügleter Kernel-Hacks war und sich mit Auto-Mount aller Laufwerke in Verbindung mit standardmäßigem root-Login in erster Linie für Windows-Umsteiger anbot. In den letzten zwei Jahren hat er beständig daran weitergearbeitet, was unter anderem auch mittlerweile vier Umbenennungen von “Myah Linux” zu nur “Myah” zu “MyahOS” zu dem hoffentlich endgültigen “Myah OS” umfasste, und präsentiert mit der aktuellen Version 3.0 ein System, das vollständig von ihm selbst geschrieben wurde und keinerlei Bezug zu einer existierenden anderen Distro mehr hat.
Installation: Der Bootscreen mit einem jungen Pinguin - den ich schockierenderweise nicht “Tux” nennen werde-, der auf einer Wolke fläzt und verträumt einem vorbeifliegenden Schmetterling nachschaut, ist mit seinem ultraniedlichem Aussehen eine echte Zerreißprobe für die Feinde alles Knuddeligen und Süüüüüüüüßen. Zum Glück dauert diese Kawaii-Kamikaze nicht sehr lange an.
Ein grafischer Installer ist in der Alpha 2 noch nicht enthalten, für die dritte Alpha oder spätestens die darauf folgende Final aber fest eingeplant. Als Bill Normaluser ist man dementsprechend dazu angehalten, noch nichts zu unternehmen, das in Richtung einer Installation geht, ansonsten läuft man Gefahr, dass kleine grüne Männchen aus Myah herauskommen und zur Strafe unangenehme Sonden in ungewünschten Körperöffnungen anbringen. Ich scherze natürlich - offensichtlicherweise -, das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass kleine grüne Männchen aus reiner Bosartigkeit den PC schrotten.
Hardware-Erkennung: Mit Ausnahme davon, dass ich durch fehlende nVIDIA-Treiber zuerst keine 3D-beschleunigte Grafik hatte, lief alles reibungslos ab. Diese Treiber sind aber hauptsächlich aus Zeitgründen nicht enthalten gewesen und in der Roadmap für die nächsten Versionen fest verankert.
Software: Auf den ersten Blick wie jede andere halbwegs aktuelle Distro: Abiword für Dokumente, Firefox als Browser, zur Bearbeitung von Zips XArchiver, Allround-Messenger Pidgin, zum Suchen Catfish, xfce als Fenster-Manager (ergänzt von Beryl für ein paar hübsche Spezialeffekte) und Thunar naheliegenderweise als Dateimanager. Geany als vortreffliche Wahl für den einzigen komplexen Texteditor reißt schon ein wenig positiv nach oben aus, doch der echte Niveausprung zeigt sich, sobald man sich ein wenig genauer umsieht in den Kategorien “Network”, “Multimedia” und “Graphics”, die bei Myah zum Bersten voll sind mit sinnvoller Software, die man sich bei anderen Distros oft erst umständlich zusammenklauben muss.
Es gibt neben Firefox mit Kazehakase eine sehr gute Ergänzung, die wahrscheinlich der kleinste und schnellste Browser ist, den ich unter Linux bisher benutzen konnte. Ja, es erreicht wahrhaftig Opera-Geschwindigkeiten. Das obligatorische gFTP bekommt mit FireFTP junge Konkurrenz. Wer aus irgendeinem Grund etwas gegen Pidgin und seine debilen Smileys hat, wird sich über gleich zwei Alternativen in Form von XChat und Chatzilla freuen. Allerdings nur für IRC. [Gnah, ich will eine native Version von Miranda.] Vervollständigt wird die Suite von Transmission und Azureus für Torrents sowie PyNeighborhood für den einfachen Aufbau einer Netzwerkverbindung zu anderen Rechnern. Sehr, sehr nettes Gesamtpaket.
Fast gleichermaßen vielfältig ist die Auswahl bei “Multimedia”, das zuallererst mal neben den üblichen Verdächtigen xmms und xine die leidlich bekannten moderneren Programme Audacious und MPlayer in petto hat und dann noch einige draufsetzt mit Exaile und xfmedia auf der Abspielseite sowie Kino und Audacity als Editoren. Auch eher selten in der Distro-Grundausstattung beachtete Funktionen wurden bedacht, mit Audio Tag Tool lassen sich schnell bei multiplen Dateien komplette ID-Tags erstellen und bearbeiten, während streamtuner leicht konfigurierbar das Lauschen von Onlineradios möglich macht. Der Ersatz für K3b als Brennprogramm ist ebenfalls zwiefaltig geworden: sowohl xfburn als auch Graveman stehen zur Verfügung.
Abschliessend wissen auch die aus einem fast unüberschaubar großen Angebot ausgesuchten Grafikprogramme zu überzeugen. Der GIMP ist Standard als Meister der Bildbearbeitung, genauso wie langsam auch GQView für das schnelle Durchblättern einer Sammlung. Da wo die meisten Distros aufhören fängt Myah erst langsam an und hat dazu noch für Nostalgiker das Uralt-XPaint, für Kinder TuxPaint, für Vektorgrafiker Inkscape, für professionelle Designer Blender sowie für, hm, Lehrer Dia, den Diagrammeditor. Und sollte man wahrhaftig nicht mit GQView durch seinen Bilderkatalog stöbern wollen, kann man getrost auf die fast gleich guten Mirage und Ristretto zurückgreifen, die nebenbei bemerkt als sehr praktisches Feature beide standardmäßig eine kleine Thumbnail-Übersicht von Bilddateien im selben Ordner anzeigen.
Die ersten zwei Stunden: Sehr wohltuend hebt sich Myah in Sachen Codecs und Treiber von vergleichbaren Konkurrenten ab und das in einem Bereich, in dem sogar viele kommerzielle Distros (wenn auch aus einigermaßen nachvollziehbaren ethischen Beweggründen) schwächeln. Java und Flash sind ebenso vorinstalliert wie jede nur denkbare Audio- und Video-Codec. Wer das Glück hat, eine ATI-Grafikkarte zu benutzen, kann sich außerdem von Anfang an über Eye Candy der Marke Beryl freuen. Mich als jemand, der hauptsächlich nVIDIA verwendet, hat nicht so sehr gefreut, dass die nVIDIA-Treiber es um Haaresbreite nicht mehr in Alpha 2 geschafft haben und man sie nachträglich herunterladen muss.
Nicht ganz klar ist mir allerdings, warum Myah zwei meiner Partitionen nicht richtig erkennt und auch partout nicht mounten will. Akribische Recherche konnte sämtliche möglichen Ursachen ausschließen bis auf 1. keine NTFS-Unterstützung und 2. keine Unterstützung für Partitionen größer als 10GB. Beides würde mir ungefähr gleich spanisch vorkommen, weil diese Probleme an sich schon länger gelöst sind. Wieso sollten sie dann ausgerechnet in Myah auftreten, das generell sehr gut auf dem neuesten Stand gehalten wird und kaum Komponenten enthält, die nicht die aktuellsten Versionen sind? Soweit es mich betrifft recht unerklärlich.
Kleinerer Störfaktor für alle mit nicht englischer Tastatur (DU bist Deutschland!) der ziemlich unziemliche Umstand, dass ausschließlich die englische Keymap verfügbar ist.
Erfreulich: Myah gehört nicht zu den vielen Distros, die xfce und besonders dessen Quasi-Dock-Funktionalität als einzigen Grund für ihre Existenz ansehen, sondern bietet trotz xfce einen betont altmodischen Desktop mit Taskleiste, Startmenü und einem Bereich für Quicklaunch-Icons. Es muss raus, sehr toll fand ich auch das eigens für Myah hergestellte Theme mit betont sympathischen Icons, für die ich eigens einen neuen Screenshot gemacht habe, weil ich mir vor dem ersten Screenshot ein mir etwas besser zusagendes dunkles Theme eingestellt und dieses das Iconset auch verändert hatte.
Fazit: Myah ist mit seinem ultra-knuffigen visuellen Design keine Liebe auf den ersten Blick (dafür wäre meines Erachtens der Name Nia sowieso mehr geeignet) für [ich hoffe doch] jeden, der das Glück hat, bereits den Teenagerjahren entwachsen zu sein. Auf den zweiten Blick hingegen könnte man sich durchaus in es vergucken und in seinem Schwerpunkt auf Multimedia und Online-Applikationen eine gesunde Grundlage für ein Leben zu zweit entdecken. Und bald schon läuten die Hochzeitglocken…vielleicht. Von meiner Warte aus würde ich Myah nicht zu den ganz großen DIstros zählen und bin mir auch sicher, dass es Probleme haben wird, sich längerfristig in den Top 10 zu behaupten. All das ändert jedoch nichts daran, dass ich es für sehr empfehlenswert halte und finde, dass es Musikfreunden, Grafikenthusiasten und all denen, die die meiste Zeit am PC sowieso online verbringen, wie auf den Leib geschnitten ist. Jeremiah Cheatham hat eine Linux-Distro geschaffen, die in die Linux-Annalen eingehen wird als eine der besten Distributionen, die ein einzelner Entwickler jemals vom Grund auf aufbauend zustande gebracht hat.
