Name: gOS
Version: 1.0.1
Art: LiveCD + Normal
Homepage: http://www.thinkgos.com/
ISO-Größe: 695MB
Oh mein GOSH. [Hätte ich übrigens an dieser Stelle auch gesagt, ohne dass es eine nette Anapher zu dem Namen der besprochenen Distro geben würde.] Ich bin verflucht! Kaum habe ich das erste Mal die *buntus erwähnt, da fangen sie auch schon an, mich zu verfolgen. Ist ja schlimmer als dieses gruselige Mädchen mit Brille in meinen Alpträumen. Dabei wollte ich nur in Ruhe eine erst vor kurzem erschienene Distro testen, die die Einzigartigkeit besitzt, dass sie extra als Ergänzung für einen frisch auf den Markt gekommenen Designer-PC mit dem nicht minder hippen Namen “Everex gPC”, der meinem Eindruck nach hauptsächlich für Benutzer optimiert ist, die ihren PC sowieso nur haben, um online zu gehen, weil seine Hardware für wesentlich mehr als das nicht zu gebrauchen ist. Dann wiederum, ein kompletter fabrikneuer PC für umgerechnet etwa 150 Euro muss logischerweise ein paar Einschränkungen aufweisen.
Um die Kurve wieder zu bekommen, gOS wurde für diese gPCs entwickelt und ist erst öffentlich verfügbar, seit sie im Handel sind, was ungefähr einen Monat her ist. Sie scheinen erstaunlicherweise über die Maßen gut anzukommen, denn die gesamte erste Produktionsreihe wurde vor kurzem als ausverkauft gemeldet. Was meine Wenigkeit natürlich darauf aufmerksam gemacht hat, dass die verwendete Linux-Distro sehr speziell sein muss, wenn so eine Unmenge von PCs in so kurzer Zeit weggegangen sind, obwohl viele Menschen noch immer Vorbehalte gegen Linux hegen. Ich sage nur soviel: speziell ist gOS ganz sicher.
Installation: Eine unerwartete Überraschung gab es für mich, als ein altbekanntes Bootmenü auf dem Bildschirm erschien. “Das kennst du doch, nur in Orange.” dachte ich mir. gOS ist doch ganz ernsthaft ein ubuntu-Derivat. What the hell? Macht aber durchaus Sinn, wenn man die mutmaßliche Zielgruppe bedenkt. Dementsprechend kann ich zu der Installation nur sagen: Wer Probleme damit hat, gOS zu Laufen zu bringen oder zu installieren, der hat auch nichts Besseres als Windows verdient.
Hardware-Erkennung: Man, schon das dritte Mal, dass ich meine Netzwerkkarte selbst installieren musste. Wirklich nervig, wie sich so ein Problem dank gleicher Codebasis durch verschiedene Distros zieht. Wenigstens scheint die unterstützte Hardware identisch mit der von ubuntu zu sein und nichts der etwaigen Optimierung für einen gPC und dessen eher bemitleidenswerte Komponenten zum Opfer gefallen zu sein.
Software: Stellt es euch am besten wie ein ubuntu vor, bei dem die meisten wichtigen Programme beibehalten wurde und für die, die fehlen, als Ersatz an richtiger Software UNGLAUBLICHE ZWEI NEUE HINZUGEKOMMEN SIND. Das erste ist Skype und das zweite ein Audio Player mit dem Namen “Rhythmbox”, von dem ich noch nie zuvor gehört habe und von dem ich auch niemals wieder etwas hören will, weil er sich erst eine halbe Stunde lang mit absolut keiner Methode zum Starten bewegen liess und als er dann endlich seine müden Bits hochbekommen hat, ist er dreimal mitten in einem Lied abgekratzt. Woohoo.
Tomaten werfe ich außerdem auf die Entwickler für das verbuggte Etwas, das einen Datei-Manager darstellen soll, weil es mir ab mittelgroßen Ordnern nicht mehr möglich war, die Scrolleiste zu benutzen, weil sich sonst das gesamte Fenster augenblicklich verabschiedet hat. Außerdem ist mir nicht ganz klar, was an den einfachen und leicht verständlichen Bezeichnungen für Festplatten in der Art von “hda1″ so schlecht war, dass sie in gOS unbedingt stattdessen als “3287585763-45353-53-345-435″ oder ähnlich bezeichnet werden müssen. Kein Scherz. Oh, und die supertolle Funktion, mit der man seine Firefox-Einstellungen aus einem anderen Linux übernehmen können soll, funktioniert auch nicht. Wen wundert’s? Langsam verstehe ich, warum kein Mensch gOS sehen durfte, bevor die gPCs im Laden waren.
Aber es kommt noch dicker. Ratet mal, warum gOS gOS heißt. Ich wollte das zuerst gar nicht glauben, aber es steht für “googleOS”. Okay, nicht wirklich. Offiziell steht die Abkürzung für “good OS” [Ähm, auch nicht wirklich?], aber es könnte genausogut für “googleOS” stehen, denn als Konsequenz oder vielleicht auch als Ursache davon/dafür [Verdammtes logisches Denken.] sind für essentielle Aufgaben fett hervorgehoben die dafür vorgesehenen Google-WebApps als Standard-Anwendung gedacht, was bedeutet, dass die Entwickler sich den halben Inhalt des Desktops hätten schenken können, wenn man gOS an einem PC benutzt, der nicht über eine Online-Verbindung verfügt. Diese Kritik wird klarerweise etwas abgeschwächt durch die Tatsache, dass es ursprünglich nur für die gPCs gedacht war und diese ja primär zum Surfen entwickelt wurden, aber ich selbst finde in jedem Fall, dass ein Betriebssystem idealerweise komplett autark ist und nicht nur die immer mal wieder auftretenden Provider-Ausfälle ohne Funktionalitätsverlust überstehen kann.
Die ersten zwei Stunden: Heh, das waren mit die schockierendsten zwei Stunden meines Lebens. Zuallererst einmal das Wesentlichste. Als Fenster-Manager kommt das fabelhafte und vielseits unterschätzte Enlightenment zum Einsatz, das gewöhnlich für den bestmöglichen Kompromiss aus Ordnung/Übersichtlichkeit/Stabilität und Spezialeffekten/Aussehen/Anpassbarkeit sorgt, bei gOS aber auf die Zulieferung von Spezialeffekten beschränkt zu sein scheint, weil die Stabilität ein schlechter Scherz ist, man Übersichtlichkeit mit der Lupe suchen muss und das Aussehen übertrieben poppig rüberkommt.
Ordnung immerhin ist vorhanden, wenn man es so bezeichnen möchte, dass alle vorhandenen Laufwerke nach einem sich menschlicher Logik entziehenden Zufallsprinzip am oberen Bildschirmrand aufgereiht werden und den unteren Bildschirmrand ein lauthals “OS X-Dock” schreiendes Widget mit einer auf Mausbewegung hin scrollbaren Liste aller WebApps wie GMail, GoogleMaps, GoogleDocs, GoogleTalk, Blogger, YouTube, Meebo und (aus Mitleid) Wikipedia einnimmt. Oooh, es gibt sogar einen schicken Effekt, wenn man mit der Maus einen Moment lang über einem der Icons verweilt.
Kleiner Absinthstropfen: Man kann die in diesem Widget enthaltenen Icons nach Belieben austauschen, also beispielsweise den ganzen Web2.0-Kram herausnehmen und Verknüpfungen zu richtigen Programmen erstellen, Sinn machen würden Pidgin als Messenger, GIMP für Bildbearbeitung und OpenOffice als Ersatz für GoogleDocs (Das war Ironie.).
Eine Sache, die ich noch lobend hervorheben möchte (gerade weil sie mit Enlightenment zu tun hat und nicht von gOS beinträchtigt zu sein worden scheint), sind die etlichen verfügbaren Widgets, die man auf dem Desktop frei plazieren und mit deren Hilfe man sich in ein paar Klicks sämtliche wichtigen Informationen über CPU-Auslastung, verwendetes RAM oder die Temperaturen im Innenraum des PCs anzeigen lassen kann. Absoluter Schmu ist dagegen das standardmäßig aktivierte Google-Such-Widget, mit dem man zwar betont unaufwendig nach etwas suchen kann, die Ergebnisse jedoch nur in einem ausschließlich dafür verwendeten Minimalbrowser ohne jegliche Möglichkeit der Navigation angezeigt bekommt. Lachhaft.
Fazit: Genau zwei Dinge gibt es, die ich an gOS mag: a) das Verwenden von einem meiner persönlichen Favoriten Enlightenment als Desktopumgebung und b) den lustigen kleinen Seitenhieb auf Apple mit der Aussage, dass es für gOS jederzeit kostenlose Upgrades geben wird, weil die Entwickler die Ansicht vertreten, dass ein Upgrade nicht sein sollte wie Leoparden oder Tiger jagen. Haha. Dann wiederum, kein Mensch, der irgendetwas von Qualität hält, würde freiwillig Upgrades von gOs akzeptieren. Wenn man die Qualität und Stabilität von gOS und OS X vergleichen würde, wäre OS X für seine Verhältnisse sogar noch ein höllisches Schnäppchen.
